Wildes Bamberg - Wo man die Natur im Stadtgebiet sich selbst überlassen kann
Vortrag von Dr. Jürgen Gerdes, Institut für Biodiversität, Bamberg, am 23.10.2026 im Stadtarchiv
Jürgen Gerdes beschäftigte sich in seinem Vortrag mit der Frage, wo und in welchem Umfang die Natur in Bamberg sich selbst überlassen werden kann. Bevor man von Wildnis rede, müsse man zunächst klären, welche Wildnis man meine. Ursprüngliche Wildnis, so wie sie vor der Besiedlung durch den Menschen bestand, gebe es in Deutschland nicht mehr. Manche Kernzonen von Nationalparks kämen ihr noch nahe. In Städten könne es hingegen nur um Prozessschutz gehen. Dabei greife der Mensch möglichst wenig in natürliche Abläufe ein und verzichte auf die Nutzung und Pflege. Prozessschutz könne bei jedem beliebigen Ausgangszustand eines Lebensraumes beginnen, entscheidend sei, dass man ab diesem Startpunkt nicht mehr eingreift (höchstens im Notfall, wenn Gefahr für Leib und Leben besteht) und die Natur sich in ihrer eigenen Dynamik entfalten kann.
Zunächst ordnete Gerdes die urbane Wildnis in größere naturschutzfachliche und -rechtliche Zusammenhänge ein. Er erläuterte, dass Deutschland im Rahmen seiner Nationalen Biodiversitätsstrategie das Ziel verfolgt hatte, bis 2020 zwei Prozent der Landesfläche einer natürlichen Entwicklung zu überlassen. Dieses Ziel habe die Bundesregierung nicht erreicht und auf 2030 verschoben. Derzeit sind nach Angaben des Referenten nur etwa 0,6 Prozent der Gesamtfläche Deutschlands ohne Nutzung und Pflege, umgekehrt gesagt: 99,4 Prozent werden bewirtschaftet. Bei der Erfassung von urbaner Wildnis müssten allerdings andere Regeln gelten als für große Schutzgebiete. Während auf Bundesebene nur Gebiete einbezogen werden, die größer als 1000 ha sind, ist man in der Stadt anlässlich von Verdichtung und hohem Nutzungsdruck großzügiger. Thomas Fischer erfasste in seiner Masterarbeit über Urbane Wildnis am Beispiel der Stadt Bamberg (2017) ungenutzte und ungepflegte Flächen ab 1.000 Quadratmetern. Auf dieser Grundlage ergab sich, dass rund drei Prozent der Stadtfläche als urbane Wildnis eingestuft werden konnten.
Bei Wildnis, so der Referent, denke man zuerst an Wälder. Bamberg sei damit gut ausgestattet. Rund um die Stadt erstrecken sich Hauptsmoorwald, Bruderwald, Michaelsberger Wald und um den höchsten Punkt der Altenburger Wald. In allen diesen Wäldern gebe es bereits nicht bewirtschaftete Areale. Eindeutig steche dabei aber der Bruderwald heraus, wo die Bayerischen Staatsforsten die Nutzung auf größerer Fläche eingestellt haben. Das Revier Wolfsruhe und die Wasserwand an der Straße nach Pettstadt gehören zu den zehn Prozent der bayerischen Staatswaldfläche, die ganz aus der Nutzung genommen sind, bayernweit immerhin 78.000 Hektar. Auslöser sei das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ im Jahr 2019 gewesen. Im Stadtgebiet betrage der Naturwaldanteil an der Waldfläche, die dem Staatsforst gehört, sieben Prozent – was für eine Stadt durchaus bemerkenswert sei.
Auch der Bund, erläuterte Gerdes, sei Eigentümer großer Waldflächen in Bamberg, was mit der militärischen Vergangenheit zu tun habe. Nach dem Abzug der US-Armee im Jahr 2014 sei die Verwaltung und Betreuung dieser Flächen bei der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben und dem Bundesforst verblieben. Wie der Freistaat Bayern habe auch der Bund einen bemerkenswerten Beitrag zum Prozessschutz im Stadtgebiet geleistet. Er habe auf Ausgleichsflächen für Bundesprojekte wie den ICE-Ausbau und den Umbau des Bamberger Kreuzes einige seiner Waldreviere für eine natürliche Entwicklung vorgesehen. Diese Flächen in der sogenannten Muna seien einst von der Reichswehr und dann von der US-Armee genutzt worden. Gerdes wies auch auf ein großes Waldareal vor den Toren der Stadt Bamberg hin, wo die US-Armee bis zum Abzug Übungen durchführte, die sogenannte Local Training Area. Der Bund habe sie nicht an interessierte, erweiterungswillige Anliegergemeinden verkauft, sondern als Nationales Naturerbe Hauptsmoor (305 ha) ganz dem Naturschutz gewidmet. Dort solle sich auf einem Großteil der Fläche Waldwildnis frei entwickeln können und dabei helfen, das 2%-Wildnisziel für Deutschland bis 2030 zu erreichen.
Im weiteren Verlauf stellte Gerdes zahlreiche Flächen innerhalb des Bamberger Stadtgebietes vor, auf denen sich die Natur eigenständig entwickeln kann. Dazu gehören unter anderen Ausgleichsflächen in Kramersfeld, am Flugplatz Breitenau, nördlich des Gleisdreieckes und im Main-Regnitz-Mündungsgebiet sowie mehr oder weniger breite Ufersäume von Main und Regnitz außerhalb der bebauten Gebiete. Auch im Süden habe die Stadt Ausgleichsflächen der natürlichen Sukzession überlassen, insbesondere in der Südflur entlang des Sendelbachs und in den Buger Wiesen. Anhand von vergleichenden Luftbildern zeigte der Referent eindrucksvoll, wie sehr sich manche Areale innerhalb von zwei Jahrzehnten verändert haben. Wo früher Äcker, Fettwiesen und intensiv bewirtschaftete Gärten der Natur kaum Raum ließen, sind bunt gemischte, artenreiche Feldgehölze und Wäldchen aufgewachsen. Auf einigen Flächen hätten die Behörden bewusst auf Pflanzungen verzichtet und die natürliche Sukzession zugelassen. Gerdes betonte, dass sich die Vegetation auch ohne menschliches Zutun entwickle. Häufig brauche es lediglich Zeit und Raum. Auf fast allen Standorten, ausgenommen Moore, Felsen, Riede und manche Altgrasbestände, entwickle sich in Deutschland von ganz allein artenreicher Mischwald.
Für die urbane Wildnis spielten diese Ausgleichsflächen, die im Rahmen von Bauvorhaben festgelegt würden, eine besondere Rolle. Wenn Bauprojekte Naturflächen beanspruchen, sollen Ausgleichsflächen den Eingriff kompensieren. Man könne sie auf ein bestimmtes Ziel hin entwickeln, etwa Magerrasen oder Streuobstwiese, was Pflege und Nutzung impliziere – oder sie sich selbst überlassen. Gerdes begrüßte, dass Bamberg diese Flächen bislang allesamt innerhalb des Stadtgebietes sichern konnte. Andere Städte verlagerten Ausgleichsmaßnahmen zunehmend in weiter entfernte Gebiete. Dadurch ginge Natur aus dem unmittelbaren Lebensumfeld der Menschen verloren, was nicht nur der urbanen Artenvielfalt schade, sondern auch dem Lokalklima. Gerdes plädierte deshalb dafür, Ausgleichsflächen möglichst vor Ort zu erhalten und bei ihrer Gestaltung auch den Prozessschutz zu berücksichtigen. Nicht jede Fläche müsse bepflanzt oder regelmäßig gepflegt werden. Vielmehr könne es sinnvoll sein, bestimmte Bereiche sich selbst zu überlassen, während andere durch Mahd oder Beweidung offen blieben.
Als besonders anschauliches Beispiel stellte Gerdes die ehemaligen Tonabbauflächen im Bamberger Westen vor, die mittlerweile als „Tongruben bei Gaustadt“ unter Schutz gestellt sind. Dort habe sich auf einem 6 Hektar großen Areal eine vielfältige Landschaft mit Gehölzen, offenen Steilhängen und Teichen entwickelt. Die natürliche Sukzession habe ökologische Nischen geschaffen, die auch von anspruchsvollen Tierarten besetzt werden. Wie etwa dem seltenen Kammmolch, der bei der letzten Kartierung wildlebender Tiere erstmals für das Stadtgebiet nachgewiesen werden konnte (Naturschutzfachkartierung Bamberg 2024). Der Referent warf in diesem Zusammenhang die Frage auf, ob man in solche Flächen eingreifen sollte, um gezielt bestimmte Arten wie Wildbienen oder Amphibien, die sich nach und nach einfinden, zu erhalten. Teiche würden mit der Zeit verlanden, Molche und Frösche also wieder verschwinden. Er plädierte für eine Doppelstrategie: beides sei nötig – Landschaftspflege mit Hinblick auf seltene Tierarten, aber auch Prozessschutz. Er selbst sehe Defizite vor allem bei letzterem und würde daher auch hier und dort in Kauf nehmen, dass seltene Arten wieder verschwinden, wenn man die Natur sich selbst überlasse.
Urbane Wildnis, so Gerdes, sei nicht nur ökologisch wertvoll, sondern unterstütze auch die Klimaanpassung. Vor allem, wenn man den Mut habe, ihr auch im bebauten Raum zu geben, wie das in der Nachbarschaft zum Bambados geschehen sei. Dort habe man schon vor über 20 Jahren auf die Anlage eines gestalteten Parks mit Wiese und Teich verzichtet, stattdessen den durchfließenden Teufelsgraben renaturiert und den Auenwald bestehen und sich selbst überlassen. Damit habe man eine potente natürliche Klimaanlage inmitten der Stadt geschaffen. Der Ökologe wünschte sich solche „Wildnisinseln“ auch für andere Stadtgebiete. Auf dem großen, neu entwickelten Lagarde-Gelände sei diese Chance seiner Ansicht nach vertan worden.
Abschließend fasste Gerdes die Möglichkeiten zusammen, wie man in Bamberg die urbane Wildnis weiter fördern könne. Er verwies auf die Bamberger Biodiversitätsstrategie, die unter anderem einen höheren Anteil nicht bewirtschafteter Waldflächen vorsehe. Das Ziel sei bei öffentlichen Wäldern ein Anteil von zehn Prozent. Bund und Freistaat hätten hier in ihren Wäldern vorgearbeitet, der stadteigene Wald werde hingegen weiterhin flächendeckend bewirtschaftet. Darüber hinaus regte er an, geeignete städtische Offenland-Flächen für die natürliche Entwicklung freizugeben, indem man etwa nach Auslauf einer Pacht auch einen zukünftigen Nutzungsverzicht prüfe. Vorbildlich nannte er es, dass das städtische Planungsamt im neuen Flächennutzungsplan das Planzeichen „Urbane Wildnis“ eingeführt habe. Damit erkenne man sie als festen Bestandteil der Stadtentwicklung an und unterstreiche den Willen, entsprechende Flächen dauerhaft zu sichern.
