Naturforschende Gesellschaft Bamberg e.V.

Die Pflanzenwelt im NSG Grainberg-Kalbenstein bei Karlstadt

Vortrag von Diplom-Geograph Hermann Bösche, Bamberg, am 26.5.2026 im Tambosi

Blick über die Hänge des Kalbensteins ins Maintal mit Blütenaspekt der Traubigen Graslilie (Anthericum liliago) - Alle Fotos: Hermann Bösche

Der Vortrag begann mit einem Überblick über den floristischen Zustand Deutschlands. Der Referent stellte dar, dass Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern eine vergleichsweise geringe Zahl indigener Pflanzenarten besitzt. Während die BRD auf rund 356.000 Quadratkilometern etwa 2.500 einheimische Arten aufweist, verfügen kleinere Länder wie Österreich oder die Schweiz über eine deutlich höhere Artenvielfalt. Besonders eindrücklich fällt der Vergleich mit Italien aus, das trotz geringerer Fläche fast doppelt so viele Pflanzenarten besitzt. Als Ursachen nannte der Referent natürliche Faktoren wie die Auswirkungen der Eiszeiten, die geringe Zahl präglazialer Relikte und die vergleichsweise homogene Landschaft Deutschlands ohne große Hochgebirge. Vor allem betonte er jedoch die großflächige Zerstörung natürlicher Lebensräume durch intensive Nutzung.

Anschließend leitete er zum eigentlichen Thema des Vortrags über: den Trockenrasen des Mittleren Maintals rund um Karlstadt. Diese Lebensräume bezeichnete er als Hotspots der Biodiversität und als Juwelen der heimischen Flora. Ohne die Trockenrasen und die wenigen verbliebenen naturnahen Bereiche wäre die Artenarmut Deutschlands noch gravierender. Die Trockenrasen im Maintal umfassen zahlreiche kleine, oft voneinander isolierte Biotope. Trotz ihres Schutzstatus seien sie durch intensive Landwirtschaft, Eutrophierung und Zerschneidung stark bedroht. Der Referent beschrieb die besonderen Standortbedingungen der Region. Die Flächen liegen auf unterem Muschelkalk (Wellenkalk), erhalten weniger als 600 Millimeter Niederschlag pro Jahr und besitzen flachgründige und nährstoffarme Böden. Durch die Sonneneinstrahlung erhitzen sich die Standorte stark und bieten ideale Bedingungen für hoch spezialisierte Arten.

Im weiteren Verlauf stellte der Referent zahlreiche charakteristische Pflanzenarten der Trockenrasen vor. Besonders häufig zeigte er den Faserschirm (Trinia glauca), eine kleine Doldenblütler-Art, die vor allem im Mainfränkischen vorkommt. Daneben präsentierte er verschiedene Trockenrasenpflanzen wie das Graue Sonnenröschen, das Apenninische Sonnenröschen, die Steppen-Wolfsmilch, das Mittlere Leinblatt, den Frühen Thymian und die Sand-Esparsette. Viele dieser Arten gelten als selten oder gefährdet und kommen in Oberfranken kaum oder gar nicht vor. Auch die Flechten- und Moosgesellschaften der offenen Bodenstellen spielen eine wichtige Rolle. Der Referent erklärte, dass diese bunten Erdflechtengesellschaften typisch für nährstoffarme und wenig gestörte Trockenrasen seien. Sie bildeten gemeinsam mit lückigen Grasbeständen und spezialisierten Kräutern ein einzigartiges Ökosystem.

Mehrfach ging der Vortrag auf die hohe Spezialisierung vieler Arten ein. Zahlreiche Pflanzen hätten sich an extreme Trockenheit angepasst, etwa durch Behaarung als Verdunstungsschutz oder durch tiefreichende Wurzelsysteme. Einige Arten seien Halb- oder Vollschmarotzer, darunter verschiedene Sommerwurz-Arten, wie Amethyst- und Große Sommerwurz, die ihre Nährstoffe direkt von anderen Pflanzen beziehen. Einen weiteren Schwerpunkt bildeten die Orchideen der Trockenrasen. Der Referent zeigte unter anderem die Bocks-Riemenzunge, die Fliegen-Ragwurz, die Hummel-Ragwurz, die Bienen-Ragwurz und die Spinnen-Ragwurz. Er erläuterte die besondere Bestäubungsstrategie dieser Arten, bei der die Blüten Form, Duft und Behaarung weiblicher Insekten nachahmen. Dadurch versuchen männliche Insekten eine Scheinpaarung und übertragen dabei die Pollinien auf andere Blüten.

Neben den Pflanzen erwähnte der Referent auch zahlreiche Tierarten, insbesondere Schmetterlinge und Wildbienen, die eng an die Trockenrasen gebunden sind. Viele Insektenarten nutzten bestimmte Pflanzen als Nahrungsquelle oder zur Eiablage. Dadurch entstünden hoch spezialisierte Wechselbeziehungen zwischen Pflanzen und Tieren. Immer wieder verglich der Referent die heutige Situation mit früheren Beobachtungen. Viele der gezeigten Fotos stammten aus dem Jahr 2016 und dokumentierten damals besonders artenreiche und farbenprächtige Bestände. Während der aktuellen Begehung stellte er fest, dass manche Arten bereits verblüht oder wegen der Trockenheit schwächer entwickelt waren. Trotzdem zeigte sich der Trockenrasen weiterhin außergewöhnlich artenreich.

Auch kulturhistorische Aspekte flossen in den Vortrag ein. So erwähnte der Referent die Karlsburg oberhalb von Karlstadt, eine karolingische Anlage aus dem 8. Jahrhundert, sowie die lange Schutzgeschichte des Gebietes. Bereits 1904 hatte der Würzburger Botaniker Gregor Kraus erste Flächen gesichert, weil er die außergewöhnliche Bedeutung der Trockenrasen erkannte. Seit 1941 steht das Gebiet offiziell unter Naturschutz.

Zum Abschluss machte der Vortrag deutlich, wie wertvoll und zugleich gefährdet die Trockenrasen des Maintals sind. Der Referent zeigte, dass diese kleinen Reliktflächen eine enorme Vielfalt hoch spezialisierter Pflanzen- und Tierarten bewahren. Gleichzeitig warnte er davor, dass Lebensraumverlust, intensive Nutzung und Nährstoffeinträge die empfindlichen Ökosysteme dauerhaft bedrohen. Die Trockenrasen erscheinen dadurch nicht nur als botanische Besonderheit, sondern auch als eindrucksvolles Beispiel dafür, wie wichtig konsequenter Naturschutz für den Erhalt biologischer Vielfalt ist.

Einzelblüte der Hummel-Ragwurz (Ophrys holoserica)
Einzelblüte der Aufrechten Waldrebe (Clematis recta)