Naturforschende Gesellschaft Bamberg e.V.

Vortrag von Dipl.-Biol. Jürgen Thein, Büro für Faunistik und Umweltbildung, Haßfurt, am 25.08.2026 im Tambosi

Die Vorkommen der Schwarze Heidelibelle (Sympetrum danae) haben aufgrund von Lebensraumverlusten durch Fischbesatz und Eutrophierung in Teichen sowie durch erhöhtes Austrocknungsrisiko mooriger Standorte infolge steigender Temperatur abgenommen
Die im Süden Europas weit verbreitete Gabelazurjungfer (Coenagrion scitulum) hat ihr Verbreitungsgebiet in den letzten Jahren in klimatisch begünstigten Regionen Deutschlands nach Nordosten erweitert

Der Vortrag beschäftigte sich mit den Veränderungen von Artengemeinschaften bei Libellen und Heuschrecken im direkten Umfeld. Grundlage bildeten vor allem langjährige Kartierungen aus den 1980er- und 1990er-Jahren sowie aktuelle Erhebungen, die einen Vergleich über mehrere Jahrzehnte ermöglichten. Besonders für die Libellen lagen aus den Landkreisen Schweinfurt und Haßberge sowie den Städten Bamberg und Coburg umfangreiche Daten vor. Der Vortragende betonte, dass er die Beobachtungen bei den Libellen nicht statistisch ausgewertet, sondern vor allem Erfahrungen aus der Kartierung mit Erkenntnissen zu Bestandstrends von Libellenarten aus der wissenschaftlichen Literatur verglichen hätte.

Bei den Libellen zeigt sich ein deutlicher Wandel. Einige Arten, die früher regelmäßig vorkamen, werden seltener oder verschwinden vollständig. Dazu gehören beispielsweise die Großlibellen Schwarze Heidelibelle, Gefleckte Heidelibelle und Kleine Moosjungfer. Diese Arten benötigen feuchte Lebensräume wie Moore, Niedermoore oder extensiv genutzte, nährstoffarme Teiche. Solche Lebensräume gingen jedoch zurück oder veränderten sich. Teiche wurden entweder aufgegeben und verlandeten oder intensiver genutzt. Auch kurzzeitig wasserführende Gewässer trockneten immer häufiger zu früh aus, sodass auf diese Habitate angewiesene Arten ihre Entwicklung nicht mehr abschließen könnten. Veränderungen in der Niederschlagsverteilung und erhöhte Austrocknungsraten verstärkten diese Probleme zusätzlich.

Gleichzeitig nehmen andere Libellenarten deutlich zu oder tauchten neu auf. Dazu gehören unter anderem die Kleine Zangenlibelle, die Südliche Mosaikjungfer, die Kleine Königslibelle, die Feuerlibelle und der Kleine Blaupfeil. Diese Arten profitieren teilweise von verbesserten Gewässerbedingungen, aber insbesondere auch von höheren Durchschnittstemperaturen. Besonders südlich verbreitete Arten konnten sich zunehmend in Nordbayern etablieren, weil die Temperaturen inzwischen eine erfolgreiche Larvenentwicklung ermöglichen. Die Feuerlibelle, die früher in der Region eine Besonderheit darstellte, entwickelte sich beispielsweise zu einer häufigen Art, insbesondere an größeren Gewässern im Maintal.

Auch bei den Kleinlibellen zeigt sich ein Wandel, wenn auch weniger drastisch. Besonders auffällig ist der starke Rückgang der Gemeinen Binsenjungfer, die Anfang der 2000er-Jahre noch an vielen Teichen vorkam. Gleichzeitig nahmen Arten wie die Gabel-Azurjungfer und das Kleine Granatauge zu. Das Kleine Granatauge entwickelte sich innerhalb weniger Jahre vielerorts zu einer sehr häufigen Art, während das Große Granatauge keine vergleichbar positive Entwicklung zeigte. Der Vortragende nennt als möglichen Grund, dass neben Veränderungen der Lebensräume auch die höheren Temperaturen eine Rolle spielen und das Kleine Granatauge möglicherweise einen Konkurrenzvorteil gegenüber dem im gleichen Lebensraum vorkommenden Großen Granatauge verschaffen.

Der Vortrag stellte den Klimawandel als wichtigen Verstärker der Veränderungen in Artengemeinschaften heraus, aber nicht als alleinige Ursache. Bereits lange vor den heutigen deutlichen Klimaeffekten verloren Libellen zahlreiche geeignete Lebensräume. Moore wurden entwässert, Gräben trockengelegt und Feuchtwiesen verschwanden. Nach Untersuchungen aus den 1980er-Jahren waren seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs rund 90 Prozent der Kleingewässer in der Landschaft verschwunden. Der Klimawandel verschärft diese Entwicklung, indem sich Temperatur- und Niederschlagsverhältnisse verändern. Besonders problematisch ist dabei nicht unbedingt eine geringere jährliche Niederschlagsmenge, sondern dass Niederschläge häufiger zur falschen Zeit fielen.

Eine wissenschaftliche Untersuchung großer deutscher Libellendatensätze bestätige die wesentlichen Beobachtungen aus den lokalen Kartierungen. Verbesserte Wasserqualität wirke sich positiv auf bestimmte Arten aus, während Habitatverlust und Verschlechterungen der Lebensräume andere Arten zurückdrängen. Der Klimawandel fördere wärmeliebende Arten und setze Arten unter Druck, die kühlere Bedingungen benötigen.

Im zweiten Teil des Vortrags ging es um die Heuschrecken. Auch hier zeigte sich, dass sich die Artengemeinschaften veränderten, allerdings weniger deutlich als bei den Libellen. Als besonders auffälliges Beispiel nannte Jürgen Thein das Weinhähnchen. Diese ursprünglich mediterran verbreitete Art tauchte in der Region neu auf und breitete sich innerhalb weniger Jahre stark aus. Während man früher beispielsweise in den Kaiserstuhl oder nach Südeuropa fahren musste, um die Art zu hören, kommt sie inzwischen in weiten Teilen Frankens vor. Auch die Blauflügelige Ödlandschrecke breite sich aus, weil sie mit warmen, offenen Lebensräumen und wenig spezifischen Bedingungen gut zurechtkomme.

Andere Heuschreckenarten gerieten dagegen unter Druck. Dazu gehörten Arten, die auf Feuchtwiesen oder strukturreiche Trockenrasen angewiesen sind. Artenreiche und extensiv genutzte Feuchtwiesen gingen durch Drainagemaßnahmen und Nutzungsintensivierung zurück. Durch die höheren Temperaturen nimmt darüber hinaus die Austrocknung von Feuchtwiesen zu, Strukturreiche Magerrasen außerhalb von Schutzgebieten wurden immer seltener. Dadurch verloren spezialisierte Arten wichtige Lebensräume.

Für die Heuschrecken konnte der Referent auf besonders umfangreiche Langzeitdaten aus dem Landkreis Haßberge zurückgreifen. Bereits in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren hatte Ottmar Fischer-Leipold dort an fast 300 Standorten Heuschrecken erfasst. Anfang der 2000er-Jahre wiederholten Julia Gombert und er selbst einen großen Teil dieser Untersuchung mit derselben Methodik und auf denselben Flächen. Später entstand gemeinsam mit Wissenschaftlern der Universität Würzburg ein dritter Datensatz. Dadurch ließ sich die Entwicklung der Heuschreckengemeinschaften über einen Zeitraum von 30 Jahren hinweg untersuchen.

Die Auswertung zeigte insgesamt weniger starke Veränderungen als bei den Libellen. Viele Heuschreckenarten waren bereits früher vorhanden, neue Arten fielen weniger stark ins Gewicht. Allerdings zeigten einige Arten positive Entwicklungen, darunter mehrere südlich verbreitete Arten. Sie profitierten offenbar von steigenden Temperaturen und konnten ihr Verbreitungsgebiet weiter nach Norden und Nordosten ausdehnen. Auch die Sumpfschrecke zeigte trotz ihrer Bindung an feuchte Lebensräume eine solche Zunahme. Sie konnte teilweise auf frischere Wiesen ausweichen und damit die Verschlechterung ihrer ursprünglichen Lebensräume kompensieren und profitiert von den höheren mittleren Temperaturen.

Als besonders erfolgreich erwiesen sich Heuschreckenarten mit hoher Mobilität. Sie konnten Veränderungen ihrer Lebensräume besser ausgleichen und neue geeignete Lebensräumen leichter besiedeln. Arten mit geringer Mobilität hatten dagegen größere Probleme, wenn ihr Lebensraum verschwand und geeignete Ersatzlebensräume zu weit entfernt lagen. Auch eine starke Bindung an bestimmte Lebensräume erwies sich als Nachteil. Arten, die auf Feuchtwiesen, strukturreiche Trockenrasen oder ungenutzte Feld- und Ackerränder angewiesen waren, gingen häufiger zurück.

Insgesamt zeigte der Vortrag auf, dass sich die Artengemeinschaften von Libellen und Heuschrecken in der Region deutlich verändern. Wärmeliebende und mobile Arten breiteten sich zunehmend aus, während Arten mit hohen Ansprüchen an Feuchtigkeit, nährstoffarme und strukturreiche Lebensräume oder kühle Bedingungen zurückgingen. Der Klimawandel spiele dabei eine wichtige Rolle, verstärke jedoch vor allem bereits bestehende Probleme durch Lebensraumverlust aufgrund von Entwässerung und Nutzungsintensivierung. Die entscheidende Gemeinsamkeit bei den rückläufigen Arten lag häufig in einer geringen Mobilität oder einer starken Bindung an Lebensräume, die in der heutigen Landschaft immer seltener werden. Positive Bestandstrends zeigen auf anderen Seite thermophile Arten mit hoher Ausbreitungsfähigkeit und eher generalistischen Lebensraumansprüchen.

Die noch vor wenigen Jahren auf die wärmsten Gebiete Süddeutschlands, wie den Kaiserstuhl, begrenzte Verbreitung des wärmeliebenden Weinhähnchens (Oecanthus pellucens) dehnt sich rasant nach Norden aus
Die Vorkommen von Arten mit hohen Lebensraumansprüchen und geringem Ausbreitungspotential, wie die auf extensiv genutzte Feuchtgrünlandlebensräume beschränkte Kurzflügelige Schwertschrecke (Conocephalus dorsalis), haben stark abgenommen.