Die Zitterpappel - Baum des Jahres 2026
Vortrag von PD Dr. Gregor Aas, ehemaliger Direktor des Ökologisch-Botanischen Gartens der Universität Bayreuth, am 21.07.2026 im Tambosi
Der Vortrag behandelte die Zitterpappel (Populus tremula), Baum des Jahres 2026. Ziel des Vortrags war es, die biologische und ökologische Bedeutung dieser Baumart hervorzuheben und ihre bislang geringe Wertschätzung zu hinterfragen. Der Referent stellte zunächst die Gattung der Pappeln (Populus) vor, die zur Familie der Weidengewächse gehört und weltweit etwa 30 bis 40 Arten umfasst. Viele Pappelarten hybridisierten leicht miteinander, weshalb ihre taxonomische Einordnung häufig schwierig sei.
Anschließend erläuterte der Referent die drei heimischen Pappelarten Deutschlands: die Zitterpappel, die Silberpappel und die Schwarzpappel. Während Silber- und Schwarzpappel heute eher selten vorkämen, besitze die Zitterpappel ein sehr großes Verbreitungsgebiet und komme in nahezu allen Regionen Bayerns vor. Sie wachse von den Tieflagen bis in die subalpine Höhenstufe.
Die Zitterpappel zeichnet sich durch mehrere besondere Merkmale aus. Sie kann stattliche Höhen erreichen und besitzt eine glatte, graue Rinde mit auffälligen Korkwarzen. Charakteristisch sind ihre lang gestielten Blätter, die bereits bei leichtem Wind zu zittern beginnen. Der Referent diskutierte verschiedene Hypothesen zur biologischen Funktion dieses Blattzitterns, etwa eine mögliche Verringerung des Schädlingsbefalls oder eine Förderung der Verdunstung und damit des Wachstums.
Ein Schwerpunkt des Vortrags lag auf der Fortpflanzungsbiologie der Art. Die Zitterpappel bildet getrennte männliche und weibliche Blütenstände und verbreitet ihre zahlreichen kleinen Samen über den Wind. Da die Samen jedoch nur auf offenem Rohboden keimen können, spielt die vegetative Vermehrung eine besonders wichtige Rolle. Die Art bildet zahlreiche Wurzelsprosse und kann dadurch große klonale Bestände aufbauen. Der Referent verwies dabei auf den berühmten nordamerikanischen „Pando“-Klon, der als eines der größten und ältesten Organismen der Erde gilt.
Besonders ausführlich ging der Vortrag auf die ökologische Bedeutung der Zitterpappel ein. Sie gehört zusammen mit der Salweide und der Birke zu den wichtigsten heimischen Pionierbaumarten. Aufgrund ihres schnellen Jugendwachstums, ihrer hohen Frostresistenz und ihrer großen Standortamplitude besiedelt sie erfolgreich Kahlflächen, Brachen, Windwurfflächen, Waldbrandgebiete und andere gestörte Standorte. Gleichzeitig ist sie konkurrenzschwach, weil lichtbedürftig und kurzlebig, weshalb sie meist nur in frühen Sukzessionsstadien dominiert.
Darüber hinaus hob der Referent die große Bedeutung der Zitterpappel für die Biodiversität hervor. Zahlreiche Insektenarten, darunter verschiedene Schmetterlinge, Käfer, Gallmücken und Miniermotten, nutzen die Baumart als Lebensraum oder Nahrungsquelle. Die Gattung der Pappeln beherbergt damit eine außerordentlich hohe Zahl spezialisierter Organismen und stellte einen wichtigen Hotspot der Artenvielfalt dar.
Abschließend widmete sich der Vortrag der Bedeutung der Zitterpappel für die Forstwirtschaft. In der Vergangenheit betrachtete man sie häufig als unerwünschte Konkurrenz zu wirtschaftlich wichtigen Baumarten wie Fichte und Kiefer und bekämpfte sie gezielt. Der Referent kritisierte diese Sichtweise und verwies auf ihre positiven Eigenschaften: Die Zitterpappel wächst schnell, liefert wertvolles Holz, verjüngt sich ohne künstliche Pflanzungen und verbessert durch ihre Streu die Bodenqualität. Angesichts der aktuellen Waldschäden plädierte er für ein Umdenken in Forstwirtschaft und Naturschutz und sprach sich dafür aus, der Zitterpappel künftig deutlich mehr Wertschätzung entgegenzubringen.
