Populationsentwicklung und Maßnahmen zum Schutz des Apollofalters im Kleinziegenfelder Tal (Lkr. Lichtenfels)
Vortrag „Populationsentwicklung und Maßnahmen zum Schutz des Apollofalters im Kleinziegenfelder Tal (Lkr. Lichtenfels)” von Dipl.-Biologe Adam Geyer, Bamberg, am 27.03.2026 im Stadtarchiv
Der Vortrag von Diplom-Biologe Adam Geyer beschrieb die Entwicklung und den Schutz des Apollofalters (Parnassius apollo) in der Fränkischen Alb, insbesondere im Kleinziegenfelder Tal, und verband dabei biologische Grundlagen mit praktischen Naturschutzmaßnahmen über mehrere Jahrzehnte hinweg.
Zu Beginn des Vortrags wurde der dramatische Rückgang des Apollofalters für den Zeitraum ab 1900 bis in die1980er Jahre aufgezeigt. Ende der 80er Jahre kam der Apollofalter in Bayern nur noch an wenigen Standorten vor. Auch im Kleinziegenfelder Tal im Lkr. Lichtenfels war der Bestand kurz vor dem Erlöschen, worauf der Apotheker und Buchautor Hans-Josef Weidemann aus Untersiemau aufmerksam machte. Daraufhin wurden erste Untersuchungen und Schutzprogramme initiiert, die der Vortragende seit 1989 zunächst im Auftrag des Bayerischen LfU, später dann im Auftrag der Regierung von Oberfranken durchführte.
Im Hauptteil seines Vortrags erläuterte Geyer zunächst die Biologie des Apollofalters. Die Art bildet nur eine Generation pro Jahr, wobei die Überwinterung als Ei stattfindet. Die Raupen schlüpfen im zeitigen Frühjahr, i.d.R. ab Anfang März, und sind in den ersten drei Entwicklungsstadien stark von einem trocken-warmen Mikroklima abhängig. Dieses Mikroklima findet sich in unverbuschten, offenen Felspartien, die sich in der Frühjahrssonne sehr schnell und deutlich über die Lufttemperatur hinaus erwärmen. Sie speichern die Wärme und geben sie langsam wieder ab. Dieser „Kachelofeneffekt“, wie ihn der Referent nannte, stellt die zwingend notwendige Basis für das Überleben der Raupen dar, insbesondere bei kühlen Frühjahrsphasen. Die Raupen leben monophag am Weißen Mauerpfeffer (Sedum album), d.h. sie können sich nur von dieser Pflanze ernähren. Der Weiße Mauerpfeffer ist eine Pionierpflanze, die offene Felsen besiedeln kann, weil sie die Fähigkeit hat, Wasser in ihren Blättern zu speichern. Kritisch für die jungen Raupen ist, dass sie ausschließlich die Triebspitzen am Vegetationskegel der Pflanze befressen können und daher ausreichend große Pflanzenpolster benötigen. Sind die Triebspitzen aufgebraucht, muss die Raupe abwandern, um neue, „intakte“ Nahrungspflanzen zu finden. Wenn aber die Polster zu stark isoliert oder durch Gräser, Gebüsche etc. abgeschirmt sind, kann dies den Tod der Raupe bedeuten. Bei Beginn der Maßnahmen war dies im Kleinziegenfelder Tal der Fall: die Felsen waren weitgehend verbuscht und vergrast, was nachweislich hohe Sterblichkeitsraten der Raupen verursachte.
Die über Jahrzehnte hinweg zunehmende Verbuschung der Lebensräume wurde maßgeblich durch die Aufgabe traditioneller Beweidung verursacht. Dadurch gingen sowohl geeignete Larvalhabitate als auch das Nektarpflanzen-Angebot für die Falter verloren. Es war diese „Gesamtproblematik“, die dazu führte, dass viele Populationen im Laufe des 20. Jahrhunderts ausstarben. Um 1990 existierten in Bayern außerhalb der Alpen nur noch zwei Vorkommen, darunter das hier vorgestellte Kleinziegenfelder Tal im Lkr. Lichtenfels (das andere im Altmühltal).
Der Referent erläuterte im Detail, welche Maßnahmen im Gefolge zur Rettung der Art umgesetzt wurden. Dazu gehörten vor allem die Freistellung von Felsen, die Wiederaufnahme und gezielte räumliche und zeitliche Steuerung der Beweidung sowie die Förderung von Nektarpflanzen. Besonders wichtig war die zeitliche Abstimmung der Beweidung, um zu verhindern, dass Raupen durch Weidetiere zertreten werden. Der erste Beweidungsdurchgang im Frühjahr wurde daher erst dann durchgeführt, wenn die Raupen sich weitgehend trittsicher in der Bodenvegetation verpuppt hatten. Zusätzlich wurden spezielle Beweidungskonzepte mit Ziegen entwickelt, um Gehölze zurückzudrängen und insbesondere schwer zugängliche, steile Felsbereiche und ihre für den Apollofalter (und andere seltene Insekten) notwendige Pioniervegetation offenzuhalten.
Darüber hinaus war der Aufbau eines Biotopverbunds von Felsstandorten wichtig. Durch die Schaffung und Wiederherstellung geeigneter Lebensräume, die über sog. Trittsteinfelsen miteinander vernetzt wurden, konnten sich dauerhafte Teilpopulationen ausbilden. Dadurch entstand eine sogenannte Metapopulation: die geschaffenen Teilgebiete stehen durch dispergierende Falter, insbesondere durch Weibchen, in regelmäßigem Austausch, was die Stabilität der Gesamtpopulation erheblich verstärkt.
Die Erfolge dieser Maßnahmen belegte der Biologe anhand von Kartierungen und den erhobenen Populationsdaten. Um 1990 waren die Individuenzahlen des Apollofalters sehr niedrig, mit den erläuterten Maßnahmen kam es dann aber in den folgenden Jahrzehnten zu einer deutlichen Zunahme und Ausbreitung der Art. Der Anteil begatteter Weibchen stieg stark an, was ein wichtiger Indikator für eine funktionierende Population ist. Allerdings zeigten die Daten auch starke Schwankungen, insbesondere durch Witterungseinflüsse wie Kälteperioden im Frühjahr.
Abschließend betonte Geyer, dass trotz der positiven Entwicklung weiterhin Gefährdungen bestehen. Dazu zählen vor allem zunehmende Trockenheit, Nahrungsmangel sowie erneut einsetzende Verbuschung. Als Gegenmaßnahmen wurden unter anderem die Förderung von Nektarpflanzen („Apollo-Mensa“) und eine weiterhin angepasste Beweidung genannt. Der Schutz des Apollo, so der Referent, sei nur durch ein Zusammenspiel aus detailliertem biologischem Verständnis, langfristigem Monitoring und gezielten Landschaftspflegemaßnahmen möglich. Dabei werde deutlich, dass solche Maßnahmen nicht nur einer einzelnen Art zugutekommen, sondern eine ganze Lebensgemeinschaft fördern, deren Arten ähnliche Habitatansprüche haben wie der Apollofalter.
